Anfang Juni hieß es: Taschen, Koffer, Tüten packen! Auch die letzte Flüchtlingsunterkunft in Rösrath wurde geräumt und die Flüchtlinge nach Euskirchen verabschiedet. Alle waren sehr aufgeregt, da nun endlich das lang ersehnte Interview anstehen sollte – bis zu dem Moment als klar wurde, sie würden erneut in eine Erstaufnahme eingewiesen werden. Die Flüchtlinge waren aufgebracht. Traurig. Ohnmächtig. Und doch fügten sich alle ohne Widerworte dem, was jetzt passieren sollte. Aus den Anfangs erwarteten 2 Wochen Erstaufnahme, wurden 6 Monate Aufenthalt in der Turnhalle in Rösrath und auch nach diesen 6 Monaten, sollte es also wieder in eine Erstaufnahmeeinrichtung gehen. Kaum vorzustellen wie man seine Moral und Hoffnung aufrecht erhalten kann, wenn man so wenig Mitspracherecht am eigenen Leben besitzt. Wenn die Hoffnung Woche um Woche, Monat um Monat nach hinten verschoben wird.

Angst vs Hoffnung

Während meiner Besuche in Venauen begegneten mir die Menschen stets freundlich und vor allen Dingen dankbar. Wir malten mit ihnen. Machten Quatsch und lachten mit ihnen. Tanzten mit ihnen ins neue Jahr hinein. Bastelten und bauten ein Trampolin für die Kinder auf. 87 Menschen mit einem großen Paket an Angst, Trauer und Not. Aber auch mit Hoffnung, Dankbarkeit und viel Mut ausgestattet. Tugenden, die unser Land braucht. Menschen von denen wir lernen können, wenn wir hinsehen, uns trauen und einen Kontakt erlauben.

„Wir werden alle sehr vermissen“

sagt Gina. Sie betreute die Menschen von Anfang an fast täglich. Beruflich, aber vor allem mit viel Herz und Tatkraft. Sie organisierte Theaterbesuche. Kirmesbesuche. Deutschunterricht. Ein Plantschbecken und vieles mehr. Finanzert hat sie die Geschenke und diese besonderen Ausflüge in die deutsche Kultur über eine Spende der Suppenhelden, die auf dem Weihnachtsmarkt Suppe für den guten Zweck verkauft haben. „Natürlich konnten wir Mitarbeiter in der kurzen Zeit nur für das Nötigste sorgen. Nun hoffe ich, dass unsere Schützlinge möglichst bald ein faires Interview für die Antragsstellung ihres ASYLS bekommen, um dann endlich nach ihrer langen Reise ein Zuhause zu finden.“  Gina´s Herz ist groß und manchmal ist ihr die emotionale Belastung anzumerken. Im Umgang mit dem Leid ist es wichtig sich gut zu schützen. Manchmal klappt es nicht. Manchmal schon. Alle wachsen an der neuen Situation, die oftmals weit ausserhalb der eigenen Komfortzone liegt.

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft

Um den Kindern den Abschied etwas zu erleichtern und ihnen das Gefühl zu vermitteln, das sie uns nicht egal sind, haben wir von Thalgold für jedes Kind ein kleines Abschiedsgeschenk organisiert. Pixibücher, Matchboxautos – nicht zu groß um es in den Rucksäcken mitzutragen und sich ab und zu an die schönen Momente in Venauen zu erinnern. Ihre erste Station in Deutschland. Auch diese Erinnerungen werden bleiben. Und wir hoffen, wir konnten sie ein bißchen bunter machen. Die Kinderaugen strahlten als sie die Geschenke entgegen nahmen. Ein guter Moment für uns alle.

Wir brauchen Herz und Hand

Einige Tage nach der Überführung nach Euskirchen kam endlich die erlösende Nachricht. Das Interview soll nun tatsächlich in den nächsten Wochen stattfinden. Der nächste Schritt in Richtung `endlich mal wieder eine Nacht ruhig schlafen`. Der Weg zu einer wirklichen Heimat und Sicherheit ist aber noch sehr lang. Das Ziel ist nicht zu sehen. Zu schwer wiegen die Erfahrungen der letzten Monate und Jahre. Zu unsicher der Werdegang hier in Deutschland. Wir drücken die Daumen, dass alle Asyl bekommen werden. Ein Dach über dem Kopf wird allerdings nicht ausreichen. Es bedarf Menschen, die sich gemeinsam für diese und auch die anderen Kinder, Männer und Frauen mit Herz und Hand einsetzen. Thalgold wird sich weiterhin engagieren und Menschen unterstützen, die gerade Unterstützung benötigen. 

Alle Menschen brauchen Menschlichkeit

Die Flüchtlinge werden unsere Nachbarn werden, ob wir das wollen oder nicht. Und da macht das miteinander doch weitaus mehr Sinn, als ein gegeneinander. Auch Gina bleibt dabei. Menschen wie sie braucht Deutschland gerade sehr. Danke Gina. Danke an alle, die sich einsetzen für Menschlichkeit und Integration. Und danke ihr Menschen aus Venauen. Ich durfte viel von euch lernen. Wir werden euch alle sehr vermissen!

Gute Reise in ein besseres Leben. Und hört nie auf zu träumen.