Wenn man geht, nimmt man immer etwas mit.

Und man lässt auch immer etwas da. Sagt man. Das hört sich erstmal ausgeglichen an. Wir werden gehen. Für mich ist es das zweite Mal. Hier – vom Ort meiner Kindheit. Das erste Mal bin ich hier weggezogen, als ich 14 Jahre alt war. Dann lebte ich an vielen Orten. Im In- und Ausland. Manchmal wird man wieder angeschwemmt.

Diesmal habe ich 10 Jahre hier an diesem Ort gelebt. Mein Mann nutzte meine Schwangerschaftshormone damals schamlos aus, um mich aus meiner Wunschheimat Hamburg hierher zu locken.Unsere drittes Kind kam sogar hier im Ort auf die Welt. Auf dem Berber, aber das ist eine andere Geschichte. Hier haben wir ein Haus gekauft. All unser Herzblut hinein in seine Wände und Blumen und Treppen geschüttet. Wir haben hier ein kleines Paradies geschaffen. Und hier lebten wir so lang, wie nirgends sonst. So richtig angekommen bin ich trotzdem nie.

Sartre sagt, das Paradies gibt es auf Erden nur in deiner Seele.

Die Sehnsucht hat mich ständig begleitet. Wonach? Das war mir lange nicht klar. Eigentlich hatte ich mich sehr bewusst entschieden, nicht mehr hier in dieser Gegend zu leben. Eigentlich. Das Leben hatte wohl Anderes vor. Die besten, die schlimmsten, die wunderbarsten, die heilsamsten Begegnungen hatte ich immer, wenn ich mich aus der Planung meines Lebens rausgehalten habe.

Meine komplette Vergangenheit stellte sich wie eine riesengroße Armee vor mich.

Kurz nach der Geburt unseres dritten Kindes und nach dem Kauf unseres Hauses, wurde ich sehr krank. Eigentlich war ich nicht mehr lebensfähig. Und ich konnte nicht mehr ausweichen. Hier am Ort meiner Kindheit. Der nächste Schritt musste entschieden werden. Wie geht es weiter? Will ich weiterleben – oder ergebe ich mich dieser Armee? Diese Entscheidung dauerte Jahre.

Mit dem Blick auf meine drei wunderbaren Kinder, entschied ich mich FÜR das Leben.

Für mich. Dafür musste ich allerdings etwas tun. All meine Sinnfragen, denen ich schon lange Jahre hinterher reise, brauchten eine Antwort. Wer bin ich? Warum bin ich hier? Und was brauche ich? Achtsamkeit und Selbstliebe als Gegenspieler der Vergangenheitsarmee. Ein böser, heftiger Kampf. Aber aufzugeben war jetzt keine Option mehr.

Vor ein paar Wochen erzählt mir eine Mutter: „Rudolf Steiner sagt:

„Man kehrt an den Ort der Kindheit zurück, weil dort etwas heilen soll.“

Jetzt verstehe ich den Ausflug in meine Kindheit. Hier ging es wohl genau darum, Teile meines Herzens zu heilen. Sogar meine Lebensaufgabe zu finden. Meine Herzsache. Jetzt ist es Zeit zu gehen. Den nächsten Schritt zu gehen. Diesmal folgt mein Mann mir. Und unsere drei Kinder ebenso. Kurz bevor heute die ersten Gäste zur Abschiedsfeier unserer Kinder kamen, haben wir 5 unsere Hände aufeinander gelegt und ich habe gesagt:

„In Liebe verbunden, schaffen wir alles!“

Und genauso habe ich das gemeint. Wenn man geht, nimmt man immer etwas mit. Und man lässt auch immer etwas da. In meinem Fall ist es aber nicht ausgeglichen – in meinem Fall gewinne ich auf beiden Seiten. Vielleicht ist es immer so. Ich weiß es nicht. Was ich weiß, das Leben meint es gut mit mir. Selbst und vielleicht besonders in den schlimmsten Situationen.

Wir sind dann mal – Richtung Meer, Richtung Sehnsucht. Ich bin gespannt, was das Leben diesmal für uns bereit hält. The answer is blowing in the wind..

Ahoi! and enjoy life!

Tina